Klinischer Stellenwert der Blutkulturdiagnostik

Das bisherige Scheitern neuer Ansätze zur Behandlung von Blutstrominfektionen (BSI) ist eng mit den Defiziten einer differenzierten Diagnosemöglichkeit verbunden. Der Zeitpunkt der Diagnose und damit die frühzeitige Initiierung therapeutischer Maßnahmen ist jedoch die entscheidende Determinante der hohen Letalität. Dabei ist der Nachweis von Mikroorganismen durch die Blutkultur (BK) für eine adäquate antimikrobielle Therapie der Sepsis unabdingbare Voraussetzung. Erst die Kenntnis des Erregers und seiner Antibiotika-Empfindlichkeit erlaubt nach Einleitung einer empirischen Initialtherapie gezielte antiinfektive Maßnahmen und stellt die Weichen für das weitere diagnostische Vorgehen. Dies verbessert die Prognose, verkürzt die Liegedauer und hilft, eine antiinfektive Übertherapie zu vermeiden.

Defizite in der Blutkulturdiagnostik

Die Umsetzung der Blutkulturdiagnostik nach aktuellen Leitlinien ist daher eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie septischer Patienten. Bei lediglich 10% der Patienten mit schwerer Sepsis gelingt ein Erregernachweis. Lange Transportzeiten der Blutkulturflaschen von der Intensivstation zum mikrobiologischen Labor tragen dazu entscheidend bei. Weiterhin ist  aber die Zahl der entnommenen Blutkulturen zu gering (16,5 BK-Sets auf 1.000 Patiententage in Deutschland; EARS-Report 2013/14, European Antimicrobial Resistance Surveillance System, http://www.ecdc.europa.eu). Nach einer Auswertung von Daten des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS) von 223 deutschen Intensivstationen, sollten auf Intensivstationen zumindest 90 BK-Sets/1.000 Patientenliegetage entnommen werden [Karch A et al. 2015]. Für Deutschland liegen zudem kaum populationsbezogene Daten zur Antibiotikaresistenz vor und klinische patientenbezogene Daten zu demographischen Faktoren, Morbidität und Letalität sind nicht verfügbar. Dagegen liegen populationsbasierte Daten zu BSI-Raten mit Patientenbezug aus Erhebungen der International Bacteremia Surveillance Collaborative (IBSC) [Laupland KB; BMC Res Notes 2009, 2:146] u.a. aus Kanada, Skandinavien und Australien vor.

Das Thüringer Register AlertsNet

Das thüringenweite prospektive populationsbasierte Register AlertsNet dient dem Aufbau eines Datenerfassungs- und Warnsystems für die Diagnose von BSI, der Identifizierung von Risikofaktoren und der Verbesserung der Behandlung und des Outcomes stationärer Patienten mit BSI [Karch et al. 2015]. Das Projekt nutzt eine landesweit etablierte elektronische Datenbank für Blutkulturbefunde. Die Datenbank beinhaltet neben diesen Informationen klinische und demographische Daten von Patienten mit nachgewiesener BSI. Die erhobenen Daten ermöglichen die Entwicklung von Qualitätsindikatoren und die Bestimmung von Referenzwerten für diese Indikatoren nach Adjustierung der Krankenhauscharakteristika sowie eine Analyse der Beziehung zwischen der Inzidenzrate der Blutkulturentnahme, des Case-Mix, der Fallschwere und Größe der klinischen Einrichtung und der Letalität.

Die Thüringer Hygieneverordnung (ThürMedHygVO) 2012

Nach § 23 Abs. 4 des novellierten Infektionsschutzgesetzes (IfSG) 2011 hat eine „fortlaufende Überwachung, Erfassung und Bewertung von nosokomialen Infektionen und von Erregern mit speziellen Resistenzen und Multiresistenzen mit fachlich anerkannten Verfahren“ zu erfolgen. Weiterhin sind „Daten zum Umfang des Antibiotikaverbrauches zu erfassen“ und es soll eine „nachhaltige Kooperation in Form von Netzwerken, insbesondere zu Zwecken der Vereinbarung einheitlicher Screening-, Management- und Überleitungskriterien“ erfolgen. In Thüringen wurde die entsprechend novellierte Hygieneverordnung am 31.07.2012 veröffentlicht.
 

 

Förderung

AlertsNet wird gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit (FKZ IIA5-2512FSB114), vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (FKZ 01EO1502) und dem Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (TMASGFF).

 

Literatur

Karch A, Castell S, Schwab F, Geffers C, Bongartz H, Brunkhorst FM, Gastmeier P, Mikolajczyk RT. 2015. Proposing an empirically justified reference threshold for blood culture sampling rates in intensive care units. J Clin Microbiol 53(2):648-52

Laupland KB, Schønheyder HC, Kennedy KJ, Lyytikäinen O, Valiquette L, Galbraith J, Collignon P, Church DL, Gregson DB, Kibsey P. 2009. Rationale for and protocol of a multi-national population-based bacteremia surveillance collaborative. BMC research notes 2:146

Karch A, Schmitz RPH, Rißner F, Castell S, Töpel S, Jakob M, Brunkhorst FM, Mikolajczyk RT. 2015. Bloodstream infections, antibiotic resistance and the practice of blood culture sampling in Germany: study design of a Thuringia-wide prospective population-based study (AlertsNet). BMJ Open 5(12):e009095